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Thema: Spiritualität - schon wieder

ACHTUNG, sehr langer Text!

Obwohl Spiritualität nicht nur hier immer wieder aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet wurde, habe ich das Gefühl, dass die meisten Menschen immer noch keine klare Vorstellung davon haben, was das wirklich ist. Lexika helfen auch nicht weiter, da steht meistens nur, was die viele schon wissen und praktisch nichts erklärt: dass es ein nicht genau definiertes Modewort ist.

Zunächst ist es einmal genau das, was du jetzt darunter verstehst. Da das aber vom individuellen Entwicklungsstand abhängt, gibt es natürlich sehr viele unterschiedliche Perspektiven. Für manche ist es ein neuer, äußerst einträglicher Wirtschaftszweig, für andere ein entspannendes Hobby. Es gibt wohl so viele unterschiedliche Definitionen dafür, wie es Menschen gibt, die sich teilweise überschneiden, aber auch ganz gegenteilig aussehen können.

Grundsätzlich ist es von dem Wort Spirit abgeleitet, was soviel wie Geist bezeichnet. Deswegen dürften die meisten Definitionen auch irgendwie die Beschäftigung mit dem Geistigen enthalten, wobei Geist leider auch kein hundertprozentig eindeutiges Wort ist, da es ja etwas Abstraktes bezeichnet.

Einigen wir uns einfach vorläufig mal darauf, dass das Thema der Spiritualität die theoretische und praktische Beschäftigung mit dem geistigen Teil des Bewusstseins und dessen Entwicklung bedeutet. Das ist natürlich ein riesiges Gebiet, unter das sämtliche Religionen ebenso fallen, wie Esoterik, Schamanismus und aus einer bestimmten Perspektive auch große Bereiche der Psychologie.

Deshalb scheint es zunächst gar nicht so abwegig, dass manche sich für besonders spirituell haltende Menschen behaupten, es gäbe gar nichts, was nicht spirituell wäre. Das ist für mich aber eine unzulässige, ja gefährliche Vereinfachung, die sämtliche spirituellen Werte eliminiert. Auch wenn ich zugeben muss, dass es aus bestimmten Perspektiven betrachtet tatsächlich so ist.

Dies sind aber für mich deswegen Perspektiven von sehr geringem Wert, weil sie ein Bewusstsein für geistige oder spirituelle Werte vollkommen ausschließen und so jede mühsame Differenzierung und Integration, die wir auf geistiger Ebene geleistet haben, vernichtet und uns völlig verwirrt und ohne Orientierung in einem flachen Kosmos zurück lassen, in dem alles gleichwertig ist und es keine Entwicklung und keinen Fortschritt gibt.

Wen wundert es da, dass Vertreter dieser Perspektive häufig zwar mitunter brillante, aber unberechenbare, verwirrte Menschen sind, denen immer wieder mal jedes Verständnis und Mitgefühl abhanden kommt und die öfter völlig ausrasten. So etwas wird in der Psychologie als pathologisch bezeichnet. Es ist eine Krankheit, die sich nicht selten früher oder später auch körperlich niederschlägt.

Deswegen möchte ich hier gerne ein wenig differenzieren. Auf sehr hohen Entwicklungsstufen, wenn Menschen  mit ihrem Bewusstsein dauerhaft auf einer Ebene verweilen, die ich jetzt mal salopp echte Spiritualität nennen möchte, gibt es tatsächlich nichts, was nicht spirituell wäre. Da solche Menschen aber im Gewahrsein ruhen, vermögen sie zu erkennen, dass zwar alles spirituell ist, aber andererseits eben auch nichts. Und sie vermögen ebenfalls zu erkennen, dass jede Perspektive einen spirituellen Wert hat, der umso größer ist, je mehr andere Perspektiven er einschließt und je höher die Ordnung ist, die in der Perspektive herrscht.

Das bedeutet zum Beispiel, dass auf der egozentrischen Entwicklungsstufe, also aus der Perspektive eines unbewusst identifizierten Individuums, die von primären Bedürfnissen, wie Atmen, Essen, Trinken, Schlafen, Selbsterhaltung, Arterhaltung, aber auch sekundären Bedürfnissen wie Geselligkeit, Anerkennung, Sicherheit, Macht, Wohlstand, geliebt Werden usw. beherrscht wird, praktisch nichts spirituell ist, weil die Spiritualität der Erscheinungen, also das geistige hinter der äußeren Form, gar nicht erkannt werden kann. Daran ist nichts zu ändern, auch wenn man es noch so oft behauptet.

All das Aufgezählte und noch viel mehr wird aber spirituell, wenn das Bewusstsein über diese Alltagsebene hinaus wächst. Es tritt eine Verschiebung des Blickwinkels auf die Erscheinungen ein, die diese transformiert. Hunger verliert zum Beispiel, wenn er spirituell wird, seine zwingende Bedeutung, weil seine äußere Form, die das ganze Bewusstsein beherrscht, in den Hintergrund tritt. Aus spiritueller Perspektive ist der Hunger nur noch ein Ausdruck ein und desselben kosmischen GEISTs, wie wir selbst, nicht mehr von uns abgetrennt, und kann uns deshalb auch nicht mehr beherrschen.

Auf der spirituellen Ebene können Menschen daher problemlos tage- wochen- oder sogar monatelang ohne Essen auskommen. Das ist natürlich auf der egozentrischen Ebene vollkommen undenkbar. Auf der spirituellen Ebene trifft das aber analog auf alle Bedürfnisse zu. Die Bedürfnisse existieren natürlich nach wie vor, auch vollkommen erwachte Menschen fühlen noch Hunger, lieben, sind gern unter Freunden oder haben Lust. Nur werden sie von ihren Bedürfnissen nicht mehr beherrscht. Sie können zugunsten von höherwertigen spirituellen Gefühle und Vorstellungen, wie Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Mitgefühl, auf die Erfüllung von Bedürfnissen mit spirituell geringerem Wert problemlos verzichten.

Die Ordnung und Wertigkeit der Erscheinungen nimmt also mit höheren Entwicklungsstufen des Bewusstseins immer mehr zu, nicht ab, wie manche sich für spirituell haltende Menschen tatsächlich zu glauben scheinen. Deswegen weigere ich mich, Menschen, die Chaos und Leugnung von Ich und Kosmos für einen Fortschritt halten, als spirituell zu bezeichnen. Das sind für mich schlicht nur Leute, die mit bestimmten Aspekten von sich selbst und der Welt nicht klar kommen und hoffen, ihren Problemen zu entgehen, indem sie sie einfach leugnen.

Ich habe absolut nichts dagegen, wenn sie sich immer wieder in ihren Sackgassen verrennen, aber ich kann und werde es in meinem persönlichen Einflussbereich nicht tolerieren, wenn sie andere damit anstecken oder verletzen und sich dabei auch noch als spirituell bezeichnen.

Spiritualität ist für mich kein fester Zustand und keine genau definierbare Ebene der geistigen Entwicklung, sondern eine dynamische Sphäre, die sich in einem fließenden Übergang an die egozentrische Sphäre des heute die Menschheit dominierenden Alltagsgeschehens mit seinen primären und sekundären Bedürfnissen anschließt und darüber (oder besser darum herum) bis in die Unendlichkeit erstreckt.

Es ist eine Bewusstseinsphäre mit einer erheblich komplexeren, höheren Ordnung und deutlich weiteren Perspektiven, als die Alltagswelt, die diese jedoch vollständig beinhaltet und all ihre Erscheinungen transformiert. Die Erscheinungen werden in ihr nicht entwertet und zu Brei geklopft, sondern vollständig und widerspruchslos integriert und neu formiert, sodass sie einen höheren, weiteren und tieferen Sinn erhalten.

In der spirituellen Sphäre hat immer noch (oder eigentlich erst dort wirklich) alles seinen Platz, fügt sich vollkommen harmonisch in das große Ganze ein. Und in dieser Sphäre ist das Bewusstsein mit allem und jedem verbunden, weshalb wirklich spirituelle Menschen äußerst verständnis- und rücksichtsvoll und mit größter Achtsamkeit allen fühlenden Wesen begegnen, denn sie sind sich bewusst, dass diese ein Teil von sich selbst sind. Außerdem ist in dieser Sphäre das Bewusstsein des reinen Seins allgegenwärtig, verschwindet niemals vollständig hinter Gedanken, Vorstellungen, Wahrnehmungen und Gefühlen, sondern durchdringt diese.


Alles Liebe.   *INLOVE* 


P. S.: ich werde nochmal irgendwann versuchen, das vereinfacht und zusammengefasst darzustellen.

रोलन्द् बब