1

Thema: Keine Zeit

Ein guter Freund hat sich kürzlich bei mir darüber beschwert, dass er viele Menschen, die ihm etwas bedeuten, kaum noch sieht, weil sie alle keine Zeit haben. Dieses Phänomen beobachte ich aber keineswegs nur bei ihm, sondern es scheint recht weit verbreitet zu sein.

Die Frage ist: haben die Menschen wirklich keine Zeit, oder ist das nur die momentan beliebteste Ausrede, jemandem einen Korb zu geben? Natürlich haben wir alle Pflichten und Bedürfnisse, die wir erfüllen müssen, wofür wir einige Zeit brauchen. Würden wir das nicht tun, dann hätten wir Schwierigkeiten, wirklich glücklich zu sein.

Da müsste man bei dem offenbar weit verbreiteten Zeitmangel an sich annehmen, dass die Menschen, die nie Zeit haben, entweder unglaublich glücklich sind oder ebenso dumm. Denn wenn sie tatsächlich so viel Zeit aufwenden, um ihre Pflichten und Wünsche zu erfüllen, dürften kaum noch Wünsche offen sein, es sei denn, sie setzen ihre Zeit absolut ineffektiv ein.

Da die meisten von ihnen nicht wirklich einen sehr glücklichen Eindruck machen und ich nur ungern davon ausgehe, dass so viele Menschen unfähig sind, ihre Zeit vernünftig einzuteilen, legt sich mir aber eher der Verdacht nahe, dass sie dieses Argument nur benutzen, weil sie eigentlich keine Lust haben, dies aber nicht zugeben wollen, weil sie sich nicht trauen oder niemanden verletzen wollen.

So nebenbei erzielt man damit auch noch den Effekt, besonders fleißig zu wirken, was in unserer sogenannten Leistungsgesellschaft ja immer hoch angesehen ist, und wenn man sich rar macht, erhält man dadurch zusätzliche Aufmerksamkeit, da ja bekanntlich die meisten Menschen immer genau das haben wollen, was sie nicht haben oder haben können.

Das Ganze scheint mir ein nicht sehr verlockendes Gesellschaftsspiel zu sein, was sich überwiegend auf einer Ebene unbewusster Identifikation abspielt und bei dem es überwiegend um Eines geht: Anerkennung im Äußeren. Man versucht, ein Selbstbewusstsein zu erreichen oder vorzutäuschen, was sich nicht natürlich aus dem reinen Sein entfaltet und somit nur Abhängigkeiten schafft, die unweigerlich früher oder später auf der einen oder anderen oder beiden Seiten Leid erzeugen.

Deshalb halte ich mich aus diesem Spiel gerne heraus. Zeit ist im Überfluss vorhanden, wenn man sie zu nutzen versteht. Für mich beginnt das damit, alles Unnötige aus meinem Leben raus zu lassen. Die meisten Menschen scheinen sich selten bewusst zu machen, wie vielen vollkommen überflüssigen Dingen sie nachjagen und wie viel Zeit sie damit vergeuden. Meistens sind sie so sehr damit beschäftigt, dass sie gar keine Zeit haben, die Dinge, die sie wirklich erreicht haben, zu genießen.

Und wenn sie dann aufgrund unglücklicher Umstände doch einmal Zeit haben, fangen sie an, darüber nachzudenken, ob sie ihre vergangene Zeit richtig genutzt haben und womit sie zukünftig ihre Zeit verbringen könnten oder müssen. Gerade so, als ob das Jetzt, der kostbarste Moment des Leben, eine Krankheit oder irgend etwas anderes Schreckliches wäre, was es um jeden Preis zu vermeiden gilt.

Aus meiner Sicht ist das bei den meisten Betroffenen nur reine Gewohnheit, die entstanden ist, weil irgendwann einmal das Jetzt sich zu unangenehm angefühlt hat oder man es sich von jemand Anderem abgeguckt hat. Und wie jede Gewohnheit kann man sie jederzeit wieder loswerden, indem man sie sich bewusst macht und durch eine Bessere ersetzt.

Ein kleines Beispiel:

An der Bushaltestelle, im Bahnhof oder vor einer roten Ampel kann man, statt sich Gedanken zu machen, ob man wirklich alles erledigt hat, was an Pflichten ansteht, oder Pläne macht, wie und wann man die Verbleibenden erledigen kann, ist es durchaus auch möglich, sich in einen meditativen Zustand zu versenken. Das entzieht der Gewohnheit die Energie und verschafft dadurch Zeit, die man besser nutzen kann, um sich und andere glücklich zu machen. Und wenn man damit einmal anfängt, tun sich plötzlich immer neue Lücken in der Zeit auf, in denen man dann auch mal einfach nur glücklich sein kann.

Wir haben Zeit. Wir haben die Unendlichkeit. Wenn wir uns nicht immer wieder selbst davon abschneiden.


Alles Liebe.   *INLOVE*

रोलन्द् बब