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Thema: Die Ganzheit des Selbst

Wir wollen uns in dieser Welt als Ganzes selbst verwirklichen. Die Schwierigkeiten dabei entstehen, weil wir uns meist nur wenigen Teilen unseres ganzen Selbst bewusst sind.
Obwohl das ganze Selbst stets eine vollkommen gesunde und natürliche Einheit bildet, die sich nach der kosmischen Ordnung entfaltet, tauchen aus der Perspektive des identifizierten Bewusstseins immer wieder teils heftige Widersprüche auf, die zu großen inneren Spannungen führen können.

Wenn dies bewusst geschieht, können wir uns ganz gelassen um die Auflösung der Widersprüche kümmern, indem wir unsere Perspektive so erweitern, dass sie harmonisch nebeneinander Platz darin finden. Versäumen wir dies, oder geraten unbewusst in solche Widersprüche, dann manifestieren sie sich als Konflikt im Außen.

Ich habe es schon öfter erwähnt, jedes Problem und jeder Konflikt im Außen sind eine freundliche Einladung unseres Selbst, die dahinter stehenden Widersprüche in unserer Identifikation zu erkennen und zu transformieren. Mehr hat es damit absolut nicht auf sich.

Es geht gar nicht darum, wie das heute leider auch in spirituellen Kreisen meist gesehen wird, die Welt zu verbessern oder all unsere Wünsche und Vorstellungen im Außen zu verwirklichen. Jeder Wunsch, im Außen irgend etwas erreichen zu wollen, ist schon das Ergebnis einer Spannung, die durch einen inneren Widerspruch erzeugt wurde. Er ist zwar Teil von unserem Selbst, aber wenn wir uns ausschließlich mit ihm identifizieren, indem wir versuchen ihn zu verwirklichen, trennen wir die unbewusste Identifikation vom ganzen Rest unseres Selbst ab.

Es ist naturgemäß recht entspannend, im Außen ein Problem zu lösen oder sich einen Wunsch zu verwirklichen. Doch kann diese Entspannung nie von Dauer sein, denn von diesem Tanz in der Welt wird der innere Widerspruch, der zu dem Wunsch oder Problem geführt hat, nicht gelöst. Er macht sich meist recht schnell wieder bemerkbar.

Das ganze Selbst zu verwirklichen kann nicht bedeuten, dass man einfach nur Teile davon in der äußeren Welt zum Ausdruck bringt. Sich aufgrund von Emotionen oder Überlegungen zu irgendwelchen Entscheidungen oder Taten hinreißen zu lassen, führt immer nur vom ganzen Selbst weg, erzeugt neue Widersprüche und Spaltungen.
Tief in unserem inneren wissen wir das alle ganz genau, und doch verhalten sich viele Menschen so, als ob sie ewig Zeit hätten, jedes noch so kleine Detail ihres Selbst im Außen verwirklichen zu können und das, worum es wirklich geht, immer vor sich her zu schieben.

Das ganze Selbst zu verwirklichen bedeutet nichts weiter, als sich dessen in seiner Gänze bewusst zu werden und es vollkommen anzunehmen. Wer sich selbst vollkommen so angenommen hat, wie er wirklich ist, erkennt im Äußeren immer nur Teile von sich selbst und weiß, dass es daran nichts mehr zu verbessern gibt.

Das ist es, was Buddha getan hat. Er hat nach seiner Erleuchtung keinen einzigen Menschen mehr gesehen, der leidet, ohne dass es ein Teil von ihm so will. Ein verdrängter Anteil des ganzen Selbst, der nichts weiter als erkannt und angenommen werden will.

Das ganze Selbst will nichts in der scheinbar da draußen existierenden Welt verwirklichen, denn es ist schon längst wirklich, wenn auch auf einer für die meisten Menschen offenbar sehr unbewussten Ebene. Es ist sich immer voll bewusst, dass es dort draußen niemals etwas anderes erkennen wird, als sich selbst.
Wenn dort etwas nicht zu stimmen scheint, etwas zu fehlen oder zu viel zu sein scheint, ist es für das ganze Selbst immer nur ein Ausdruck von innerem Ungleichgewicht in der individuellen Identifikation, von nicht angenommenen inneren Anteilen. Dann bedient es sich der Emotionen, um die Identifikation oder das Bewusstsein darauf hinzuweisen.

Man kann sagen, dass Menschen erst wirklich leben, wenn sie die Ganzheit ihres Selbst vollständig erkannt und angenommen haben. Wenn sie im Äußeren, in der Welt und anderen Menschen nichts anderes mehr erkennen, als sich selbst. Es ist wie das Erwachen aus einem tiefen Traum, in dem alles immer nur Kampf ist, Kampf darum, etwas bestimmtes zu erleben und zu verwirklichen oder eben genau dies zu verhindern.

Wenn man sein ganzes Selbst vollkommen erkannt und angenommen hat, liebt man sich selbst aus ganzem Herzen, und erst dann ist man wirklich fähig, auch andere zu lieben, denn zuvor liebt man in ihnen immer nur das, was man an sich selbst für gut und richtig hält, aber nicht das ganze Wesen im Anderen.

Es ist wie ein Erwachen in die Wirklichkeit, in der alles von einem strahlenden Glanz umhüllt ist und man sich an jeder Erscheinung aus ganzem Herzen erfreuen kann. Wie die Heimkehr ins vergessene Paradies, das Auftauchen aus einem tiefen, mitunter sehr düsteren Traum, der sich nur durch seine wenigen lichten Momente überhaupt ertragen lässt.

Und dennoch scheinen es die meisten Menschen vorzuziehen, sich immer weiter durch diesen düsteren Traum von einem lichten Moment zum nächsten zu kämpfen und das auch noch für Selbstverwirklichung zu halten. Wenn ich nicht genau wüsste, dass auch das in mir ist, würde ich sie echt aus tiefstem Herzen bedauern.

Um es noch einmal ganz klar auszudrücken: es gibt gar kein "da draußen"! Jede Wahrnehmung und jede Vorstellung ist IM Bewusstsein! Die Erscheinungen treten nur im ganzen Selbst aus dem unendlich großen, unbewussten Teil in den sich immer weiter ausdehnenden bewussten Teil. Damit sind wir immer für alles ganz allein selbst verantwortlich und es gibt keinen Schuldigen "da draußen"! Und wir können auch nichts und niemanden ablehnen, denn alles ist immer ein Teil von uns selbst, ohne den wir nicht komplett wären.
Alles, was wir tun, tun wir immer nur uns selbst an, auch wenn wir den Anteil, den es trifft, in das vermeintliche Außen projiziert haben, und so fällt es immer auf uns selbst zurück. Solange wir glauben, uns gegen etwas oder jemanden entscheiden zu müssen, verleugnen wir einen Teil von uns selbst und werden niemals dauerhaftes Glück finden, wenn wir diesen Teil nicht wieder annehmen und lieben.

रोलन्द् बब