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Thema: Die Geister des Waldes

Als ich 5 war, haben die aufragenden Wurzeln umgestürzter Bäume mich nicht mehr los gelassen. Ich hätte Stunden dort sitzen und beobachten können, wenn man mich gelassen hätte. Denn ich hatte sie gesehen. Zuerst nur als kurzes Blitzen zwischen den Enden der Wurzeln und dann auch als kleine, weiße und blaue, leuchtende Tropfen, wie lebendige Flämmchen, die sanft dazwischen umher schwebten.

Sie waren so wunderschön und zart, ihr sanftes Vibrieren ließ mein Herz vor Freude tanzen. Waren es Feen? Die Geister des Waldes? Wer weiß!

Das hatte für mich absolut keinerlei Bedeutung, denn sie waren da, auch wenn sie außer mir niemand sehen konnte. Und sie beglückten mich ganz unglaublich.

Dann kam die Schule. Sprechen, Lesen, Schreiben, Rechnen. Und meine kleinen, blauen und weißen Freunde waren verschwunden. So oft ich auch in den Wald ging, ich sah sie nie mehr wieder. Und bald hatte ich sie ganz vergessen.

Ich lernte, wurde ein sehr guter Techniker, baute fantastische Sachen. Doch in den Wald zog es mich auch immer wieder. All diese fantastischen, manchmal gespenstischen,  krummen Formen, die runden Blätter, die verwinkelten Äste waren so wunderbar, schufen einen Einklang von Denken und Fühlen, eine Harmonie und Geborgenheit in meinem Geist.

Selbst in der Mittagspause zog es mich oft in ein nahe gelegenes Wäldchen, das völlig verwildert und überwuchert war, mit vollkommen von Schlingpflanzen umhüllten, uralten Riesen von Bäumen.

Viele Jahre später schlenderte ich eines Nachts durch den nahe gelegenen Park und mein Weg führte vorbei an einigen sehr alten, sehr mächtigen Bäumen, als ich plötzlich ein leises Zischen vernahm. Neugierig blieb ich stehen, drehte mich zu einem der mächtigen Riesen um, aus dessen Richtung ich das Zischen gehört hatte.

Ich bemerkte nichts auffälliges und wollte schon weiter gehen, als sich plötzlich um mich herum alles verfinsterte. Ich sah vor mir nur noch den alten Riesen, ringsum völlige Schwärze. Etwas zog meinen Blick zu den Wurzeln des Baumes und zog mich dann ganz hinein.

Als sich meine Augen an das rötlich-gelbe Dämmerlicht gewöhnt hatten, konnte ich erkennen, dass ich mich in einer Röhre mit gewölbten Wänden befand, die sich irgendwo in der Ferne verjüngte und verzweigte. Irgend etwas in mir wusste, dass ich mich in den Wurzeln dieses freundlichen alten Riesen befand, der mich eingeladen hatte. Und dann sah ich sie. Meine lieben, alten Freunde, die blauen und weißen, zarten, leuchtenden Tropfen.

Sie kamen in Scharen von allen Seiten auf mich zu geströmt, umschwirrten mich, berührten mich mal hier, mal da ganz sanft, so dass es kitzelte. Und ebenso plötzlich, wie alles angefangen hatte, stand ich im nächsten Moment wieder ordentlich auf dem Weg, einen oder zwei Schritte von dem Baum entfernt.

Dann spazierte ich ganz gemütlich wieder nach hause, mit einem Lächeln, das noch tagelang anhielt.

*INLOVE*

Nun zum nüchternen Teil. Wer mich ein wenig kennt, weiß, dass ich in der Lage bin, mich von der Welt bezaubern zu lassen, aber nicht aus der Evolution ausklinke. Ich will nicht nur erleben, erfahren und fühlen, ich will es auch verstehen! Sonst wäre ich nicht Mensch geworden, sondern hätte mich vielleicht mit Schmetterling, Kätzchen oder Faultier begnügt.

Was ist nun wirklich passiert in meiner Geschichte? Genau das, was sich in der Geschichte der Menschheit abgespielt hat, hat sich wiederholt. Wer die Landkarte der Evolution lesen kann, versteht, dass sich genau das in jedem Menschen in unterschiedlicher Form und Ausprägung abspielt.

Die magisch Welt der Kindheit habe ich nicht nur deswegen verlassen und vergessen, weil mich das böse System dazu gezwungen hat. Nicht das System, sondern ich habe diese Welt verlassen und vergessen, weil ein Teil von mir es wollte. Ein Teil, der weiter wachsen, die Erwachsenen und ihre Welt erleben und verstehen wollte. Dafür habe ich meine kindische, magische Traumwelt vorübergehend aufgegeben und bin in die rationale Ebene eingetreten, um dort damit fortzufahren, mich zu verwirklichen.

Aber was ist da passiert, als ich mich des Nachts ganz plötzlich wieder in der magischen Welt der Kindheit wieder fand? War es Realität, was ich da erlebt habe, oder nur ein schöner Wunschtraum, eine Regression in die kindliche Vergangenheit?

Es war natürlich Beides. Der wache Teil von mir stand die ganze Zeit vor dem Baum und hat dabei zugesehen, wie der kindliche Teil aus der Vergangenheit hervortrat und das Alltagsbewusstsein vollkommen in seinen Traum gezogen hat. Für das Alltagsbewusstsein gab es dann nur noch diesen Traum er war die einzige existierende Realität.

Wie man deutlich sehen kann, ist also immer alles da im unendlichen Kosmos, jederzeit erreichbar, jede Stufe der geistigen Entwicklung ist auch im Jetzt vollkommen präsent.

Und wir können uns jederzeit überlegen, ob wir da hin zurück möchten, unser wahres Sein in eine reduzierte, enge Welt in einer niedrigen Ebene unserer Entwicklung zwängen und uns vom ganzen Rest des Kosmos abschneiden wollen.
Doch wenn wir es tun, so schön es sich für den Moment vielleicht auch anfühlen mag, entfernen wir uns von der Wahrheit, von unserer aller gemeinsamer Wirklichkeit, und wenn wir uns entscheiden, da zu bleiben, hören wir auf, weiter zu wachsen und den Sinn unseres Daseins zu erfüllen.

Alles kann und darf sein, aber jedes Klammern, Kämpfen, Wehren, Ablehnen und Verurteilen erzeugt Schmerz und Leid.

Alles Liebe. *INLOVE*

रोलन्द् बब